Wirtschaft

Mögliche wirtschaftliche Folgen des GVZ

Private Haushalte
Das geplante GVZ zwischen Holtensen und Lenglern bedeutet nicht nur einen erheblichen Eingriff in die Natur und das äußere Erscheinungsbild unserer Landschaft, sondern wird bei einer Realisierung dieses Großprojekts auch unmittelbare finanzielle Auswirkungen auf die Hauseigentümer haben.

Im Internet sind zahlreiche Belege dafür zu finden, dass neue Infrastrukturprojekte zu erheblichen Wertminderungen bei privaten Immobilien führen können. So schreibt z.B. der Focus, dass laut Umfrage einer Münchner Immobilien-Betreuungsgesellschaft unter 600 Maklern Mobilfunksendeanlagen ganz unabhängig von ihrer Intensität alleine durch ihr Vorhandensein so verkaufshemmend wirken, dass je nach Entfernung und direkter Sichtbarkeit Wertminderungen zwischen fünf und 50 Prozent entstehen können. Siehe:

http://www.focus.de/immobilien/kaufen/tid-29770/verlierer-des-immobilienbooms-heute-gekauft-morgen-nur-noch-die-haelfte-wert-fallen-die-man-gar-nicht-sieht_aid_928871.html

Dass die räumliche Nähe zu einem Gewerbegebiet mit den damit zusammenhängenden Lärm-, Licht- und Schadstoffbelastungen nicht zu einer Wertsteigerung der eigenen Immobilie führen wird, kann man sich sicherlich denken. Wertminderungen von 20 bis 30% sind als realistisch zu betrachten. Welcher potentielle Neubürger, der sich entschließt, auf dem Land zu wohnen, wählt schon eine Ortschaft am Ende einer Ansammlung von Hallen aus? Der Anreiz zum Kauf kann dann nur in günstigen Preisen bestehen. Was für den Erwerber gut ist, ist für den Verkäufer schlecht, da er seine persönlichen Erwartungen nicht mehr erfüllen kann.

Wer heute vielleicht plant, im fortgeschrittenen Alter sein Haus zu verkaufen, um mit dem Erlös eine Wohnung in der Stadt zu erwerben oder sich ein betreutes Wohnen leisten zu können, sollte die Rechnung noch einmal überarbeiten. Wenn die Immobilie heute z.B. noch einen Marktwert von 200.000 EUR hat, kann dieser in einigen Jahren schon 40.000 bis 60.000 EUR geringer sein.


Öffentliche Haushalte
Wenn eine öffentliche Kommune beabsichtigt, im großen Stil Flächen anzukaufen und zu erschließen, sollte man erwarten, dass die Planung auch einen Rückfluss des investierten Steuergeldes vorsieht. Grundsätzlich ist anzustreben, dass die Verkaufserlöse für ein Gewerbebetrieb die eigenen Anschaffungskosten zuzüglich der investierten Erschließungskosten mindestens erreichen.

In den Fällen, in denen sich mangels Nachfrage ein bereits erschlossenes Gewerbegebiet nicht kostendeckend vermarkten lässt, muss man unter Umständen zunächst einen Verlust (durch ein Absenken der Verkaufspreise unter die eigenen Kosten) hinnehmen, um überhaupt den Anreiz für eine Ansiedlung zu schaffen (Area 3?).

Eine Hoffnung, dennoch finanziellen Nutzen oder eine Kostendeckung aus der Schaffung von Industrieflächen zu gewinnen, ist die Gewerbesteuer. Diese Steuer fließt unmittelbar der Kommune und nicht dem Bund zu und stellt damit eine wesentliche Einnahmequelle der Gemeinde oder Stadt dar. Ist aber die Hoffnung auf einen steten Geldstrom in jedem Fall berechtigt?

Die Tatsache, dass eine ganze Landschaft für immer versiegelt und mit Hallen überbaut wird, bedeutet nicht gleichzeitig, dass auch im großen Stil Gewerbesteuer in die Gemeindekasse fließt. Hierzu eine kleine Einführung in die Gewerbesteuer.

Im einfachen Fall, in dem ein Unternehmen nur eine einzige Betriebsstätte hat und diese z.B. im Flecken Bovenden liegt, steht tatsächlich auch nur dem Flecken Bovenden die Gewerbesteuer zu. Komplizierter wird es, wenn ein großes Unternehmen seinen Sitz irgendwo in Deutschland hat, aber im Flecken Bovenden ein GVZ errichtet. Dann liegen zumindest schon mal zwei Betriebsstätten vor. Die eine dort, wo die Zentrale ist und die andere dort, wo das GVZ betrieben wird. Der gewerbesteuerliche Gewinn muss nun aufgeteilt werden. Diese Aufteilung nennt sich Zerlegung des Gewerbesteuermessbetrages. Aufteilungskriterium ist im Regelfall die Summe der Löhne und Gehälter, die an die Arbeitnehmer der jeweiligen Betriebsstätte gezahlt werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein örtlich ansässiger Mittelständler ein 140 ha großes Logistikzentrum baut und betreibt, ist wohl geringer einzuschätzen als der Erwerb durch einen etablierten Großinvestor. Daher soll im Folgenden am Beispiel eines großen Logistikunternehmens aufgezeigt werden, wie die Gewerbesteuer eigentlich verteilt wird.

Die Schenker Deutschland AG als führendes Logistikunternehmen beschäftigt deutschlandweit laut eigener Internetseite (www.dbschenker.de) 15.800 Mitarbeiter an mehr als 100 Standorten. Unterstellt man, dass sämtliche Standorte ausschließlich von dieser AG betrieben werden, liegen möglicherweise bereits schon 100 Betriebsstätten vor, unter denen der Gewerbesteuermessbetrag aufgeteilt werden muss.

Im Internet ist der Geschäftsbericht 2012 des Konzerns DB Mobility Logistics frei zugänglich erhältlich. Aus diesem sind die folgenden Daten für das Segment DB Schenker Logistics entnommen worden. Dieser Teilbereich beschäftigt weltweit 64.200 Mitarbeiter, die einen Gewinn vor Steuern und Zinsen (EBIT) in Höhe von 400 Mio. EUR erwirtschaftet haben. Die Personalaufwendungen betrugen im Jahr 2012 rund 2,7 Milliarden EUR.

Unterstellt man vereinfachend nun eine gleichmäßige Verteilung dieser Beträge, so arbeiten in Deutschland ein Viertel der Mitarbeiter, die mutmaßlich 100 Mio. EUR Gewinn bei einer Lohnsumme von 6.750 Mio. EUR erzielt haben. Wenn nun im Flecken Bovenden eine weitere Betriebsstätte in Form des GVZ eröffnet wird und dort z.B. 100 Mitarbeiter für durchschnittlich 24.000 EUR pro Jahr arbeiten (was im Niedriglohnsektor sicherlich viel zu hoch ist), so erhöht sich die gesamte Lohnsumme um 2,4 Mio. EUR auf rund 6.752 Mio. EUR. Der Anteil der Betriebsstätte Bovenden an der gesamten Lohnsumme und damit auch am Gewerbesteuermessbetrag beträgt demnach 0,036% (2,4 Mio. EUR von 6.752 Mio. EUR).

Unter der Annahme, dass der Gewinn in Höhe von 100 Mio. EUR auch dem gewerbesteuerlichen Gewinn entspricht (sog. Gewerbeertrag), ergibt das für den Flecken Bovenden eine Gewerbesteuer von lediglich 4.536 EUR!

Die Berechnung erfolgt nach folgender Formel: Gewerbeertrag multipliziert mit Steuermesszahl 3,5% ergibt den Gewerbesteuermessbetrag. Dieser wird dann mit dem Zerlegungsanteil und dem Hebesatz der Gemeinde (Bovenden hat 360%) multipliziert, um die Gewerbesteuer zu erhalten. Also: 100 Mio. EUR x 3,5% x 0,036% x 360% = 4.536 EUR.

Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, was alles kostet und welche persönlichen Verluste die Immobilienbesitzer hinnehmen müssen.